Alarmismus in Connewitz

Gestern berichtete der MDR im Sachsenspiegel über ein Stadtteilfest in Connewitz. Doch der Beitrag war gerade mal eine halbe Minute alt, da verkündete Sebastian Speer, seines Zeichens Leiter des Polizeireviers Leipzig Südost, es gebe in Connewitz  „einen sehr militanten linken autonomen Teil, teilweise mit terroristischen Tendenzen, die massiv gewaltbereit sind…“ http://www.mdr.de/mediathek/fernsehen/a-z/video265928_zc-ea9f5e14_zs-dea15b49.html

Wie bitte?! Terroristische Tendenzen? In Connewitz?

Lasst doch bitte die Kirche im Dorf.

Farbbeutelattacken, Ausschreitungen und auch der Überfall auf den Polizeiposten Anfang Januar sind illegal, überflüssig und müssen als die Straftaten verfolgt werden, die sie nun einmal sind (z.B. Sachbeschädigung, Körperverletzung und Landfriedensbruch). Was sie aber nicht sind, ist Terrorismus. Zum Vergleich: Menschen kidnappen und ihnen vor laufender Kamera den Kopf abschlagen, DAS ist Terrorismus. Und auch die RAF war nicht deshalb so gefürchtet, weil sie mit Steinen und Farbbeuteln auf ein Fenster losgegangen sind, hinter dem Polizisten saßen. Die RAF hat Menschen entführt und ermordet.

Der Alarmismus des Polizisten Speer ist deshalb brandgefährlich, weil er in beide Richtungen wirkt. Die Dämonisierung der einen bringt die Verharmlosung der anderen mit sich: Wer also einen Teil der Autonomen mit Terroristen gleichsetzt, der setzt auch Terroristen mit Autonomen gleich, und verniedlicht sie – vermutlich unabsichtlich – durch die Hintertür zu Steinewerfern. Und welchen Begriff kann jemand, der schon bei Landfriedensbruch von „terroristischen Tendenzen“ spricht, gebrauchen, wenn politisch motiviert Menschen gezielt getötet werden?

Wer begrifflich keinen Unterschied mehr zwischen und den Taten von militanten Autonomen und denen von ISIS oder RAF macht, der beraubt sich selbst der Möglichkeit, den Terrorismus, da wo er wirklich ist, sinnvoll zu analysieren, zu verstehen und letztlich wirksam zu bekämpfen.

Deshalb: Bitte verbal abrüsten. Danke.

Die MONAliesA kämpft

Die feministische Bibliothek MONAliesA in Leipzig kämpft derzeit um ihr Überleben. Das Kulturamt hat ihren Antrag auf Fördermittel abgeleht. Meinen Beitrag dazu für MDR FIGARO kann man hier nachhören:

http://www.mdr.de/mediathek/radio/mdr-figaro/audio1094386_zc-3ad795cb_zs-5bc1cf7d.html

Managerinnen des Alltags

Konferenz gibt Rabbinerfrauen praktische Tipps für die Gemeindearbeit

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Ein Konferenzraum im Leipziger Ariowitsch-Haus: Die Tische sind zu einer langen Tafel zusammengeschoben, darauf stehen neben Kaffeetassen, zweisprachigen Ausgaben des Pentateuch, Smartphones und goldfarbenen Konferenzmappen auch Trinkfläschchen sowie Babyspielzeug.

An der Stirnseite des Tisches sitzt Rebbetzin Dara Goldschmidt und interpretiert die Tora. 14 Frauen hören konzentriert zu, manche machen sich Notizen, andere wiegen Babys auf ihrem Schoß. Hier findet inzwischen schon die dritte Eishet-Chayil-Konferenz für Ehefrauen von Rabbinern aus ganz Deutschland statt – diesmal unter dem Motto »Connecting – to Hashem, to yourself and to others«.

»In Deutschland gab es nahezu gar keine Unterstützung für Rebbetzinen«, sagt Hadassa Halpern, die das Programm leitet, und selbst mit einem Rabbiner verheiratet ist. »Die Männer genießen eine intensive vierjährige Ausbildung, und dann sollen sie in eine Gemeinde gehen. Und ihre Frauen bekommen damit eine Aufgabe, auf die sie nicht vorbereitet wurden, von der sie keine Vorstellung haben, wie sie sie wahrnehmen können.«

Onlinekurse

Daher wurde mit anderen Mitarbeiterinnen des Rabbinerseminars und der finanziellen Unterstüzung der Matanel-Foundation das Eishet-Chayil-Programm ins Leben gerufen. Zusätzlich zu den halbjährlich stattfindenden Konferenzen gibt es jeden Monat eine Internetvorlesung mit internationalen Gastdozenten und Onlinekurse zu verschiedenen Themen. Außerdem bekommen die Rebbetzinen Mentoren an die Seite gestellt.

Doch die Konferenzen sind das Herzstück des Programms. An zwei Tagen sollen sowohl religiös-spirituelle als auch professionelle Aspekte in den Blick genommen werden. Zu diesem Zweck haben die Veranstalterinnen zwei Referentinnen eingeladen: Rebbetzin Goldschmidt, die mit ihrem Mann seit 1986 in Moskau lebt, dort viel Bildungsarbeit geleistet hat – und die laut den Veranstalterinnen für viele jüdische Frauen ein spirituelles Vorbild ist. Und die Psychologin und Verhaltenstherapeutin Marina Chernivsky, die den Teilnehmerinnen unter dem Motto »Managing Diversity« wichtigen Input für die Gemeindearbeit gibt. Gerade mit Blick auf die kulturelle Diversität in den jüdischen Gemeinden bietet sie den Frauen konkrete Handreichungen zur Kommunikation mit Gemeindemitgliedern mit ganz unterschiedlichem kulturellen Hintergrund.

»Die Frauen sollen in ihrer Arbeit gestärkt und motiviert werden, sie sollen sehen, was sie damit erreichen können, und dass sie nicht alleine sind«, sagt Sarah Serebrinski, die das Programm mit betreut. Sie hofft, dass sich ein Netzwerk aus Frauen bildet, die sich gegenseitig unterstützen, auch über längere Distanzen hinweg. »Man ist zum Teil schon sehr isoliert, wenn man als fromme Familie in einer kleinen Stadt lebt. Da gibt es ja kaum andere jüdische Familien – und orthodoxe erst recht nicht.«

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Frauenbild

Es sind vor allem junge Frauen, die den Weg in das Programm und nach Leipzig gefunden haben – die Ältesten sind um die 30. Viele von ihren Männern studieren noch – »Rebbetzin in training« nennt man das hier.

Die Frauen sind sorgfältig geschminkt, die Röcke immer überknielang, es dominieren praktische Schuhe und Halsketten, die über dem Pullover getragen werden. Und bei aller Rede von Frauennetzwerken und »Empowering« bleibt die Veranstaltung eine konservative. Es geht darum, den Frauen zu helfen, ihre Rolle zu finden und Erwartungen gerecht zu werden, nicht darum, traditionelle Rollenbilder infrage zu stellen.

Im Laufe der zwei Tage ist die Diskussion immer dann am lebhaftesten, wenn es um konkrete Probleme geht: Wie umgeht man Einladungen von Gemeindemitgliedern, wenn man deren Küchenstandards misstraut? Wie reagieren, wenn die Kinder an Festtagen überhaupt keine Lust haben, sich zu benehmen? Was tun, wenn einem bei einer offiziellen Veranstaltung der Ministerpräsident die Hand schütteln will?

Fragt man die Frauen, was sie aus dem Seminar mitnehmen, wird an erster Stelle der Erfahrungsaustausch genannt. Denn hier wird etwas geboten, was im Leben einer Rebbetzin eher selten ist: die Möglichkeit, sich mit ihresgleichen auszutauschen, mit Frauen, die in einer vergleichbaren Lebenssituation sind und sich ähnlichen Herausforderungen stellen müssen. Vor allem der, ihre Verpflichtungen als Ehefrau und Mutter unter einen Hut zu bringen mit ihrem Beruf und ihren Aufgaben in der Gemeinde.

»Wir lernen, dass nicht nur wir in dieser Situation sind und diese Probleme haben, und hören Lösungsansätze und Ideen von den anderen. Das ist sehr hilfreich«, erklärt Sara Rivka Drey. Und Debby Kahanovsky findet: »Die zwischenmenschlichen Kontakte tun sehr gut, gerade, wenn man sehr eingespannt ist mit Familie und Job. Hier kann man mit der Freundin bis nachts um zwei quatschen.« Beide Frauen leben nach Stationen in anderen Städten in Berlin, während ihre Männer zwischen dem Wohnort und ihren Gemeinden – Amberg und Halle/Saale – pendeln müssen.

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Spass

Die Rebbetzinen fühlen sich wohl miteinander und haben Spaß, das ist deutlich zu merken. So ist das auch vonseiten der Veranstalterinnen gedacht: Sie sollen hier entspannen und auch mal etwas für sich tun können. Deshalb wurde in dem Hotel, in dem die Teilnehmerinnen untergebracht sind, gleich das Spa dazugebucht: mit Schwimmbad, Sauna und allem Drum und Dran.

»Wir verbringen so viel Zeit damit, anderen zu geben, dass wir vergessen, auch uns selbst etwas zu geben«, hat Hadassa Halpern den Teilnehmerinnen gleich zu Anfang gesagt. »Diese Veranstaltung soll Seele, Geist und Körper erfrischen, damit ihr noch mehr zurückgeben könnt, wenn ihr nach Hause kommt.« Das scheint gelungen zu sein. Eine Rebbetzin formuliert es so: »Man lacht viel zusammen, das ist das Tolle.«

zuerst erschienen in der Jüdischen Allgemeinen 03/2015

http://www.juedische-allgemeine.de/article/view/id/21200

Fußball für die Roma

Roma in Ungarn werden systematisch ausgegrenzt und sind stark von Arbeitslosigkeit und Armut betroffen. Mancherorts gibt es kleine Selbsthilfeprojekte. In Kálló etwa unterstützen die Fans eines Leipziger Vereins die lokale Fußballmannschaft.

 

Die Hände von István Diviák sind weiß gesprenkelt, als er seine Gäste begrüßt, die sich gerade aus einem roten Kleinbus zwängen. Diviák, ein kräftiger Mann Anfang 40, ist Vorsitzender des FC Kálló, dem Fußballverein des gleichnamigen Dorfes, das rund 60 Kilometer nordöstlich von Budapest liegt. Eben stand er noch auf dem Platz und hat die Linien für das Pokalspiel am nächsten Tag nachgezogen – von Hand, denn die Markiermaschine ist schon seit geraumer Zeit kaputt. Geld für eine Reparatur oder gar einen Ersatz hat der Verein nicht.

Die Gäste, die Diviák hier so freudig begrüßt, sind die Mitglieder der Initiative Leipzig Korrektiv. Die haben es sich zur Aufgabe gemacht, Antiziganismus zu bekämpfen. Heute sind sie allerdings vor allem als Postboten hier. Der Kleinbus, mit dem die Aktivisten vorgefahren sind, ist randvoll mit Fußballausrüstung: Gebrauchte Fußballschuhe, Schienbeinschoner und Trainingsanzüge, neue Bälle und Trikots, auch ein Satz Eckfahnen lugt aus der Heckklappe des Busses hervor. Die Sachen entstammen einer Spendenaktion der Fans des Leipziger Fußballvereins BSG Chemie. Die Partnerschaft vermittelt hat Leipzig Korrektiv. Normalerweise werden Dorfvereine wie dieser von ihrer Gemeindeverwaltung unterstützt. Doch beim FC Kálló sind zwei Drittel der Spieler Roma. Das war für den bisherigen Bürgermeister der Grund, dem Verein jegliche Unterstützung zu versagen.

Segregation durch Armut und Arbeitslosigkeit. Das ist in Kálló längst Realität

Segregation durch Armut und Arbeitslosigkeit. Das ist in Kálló längst Realität (Foto: Gustav Pursche)

»Wir sind finanziell in einer sehr schlechten Lage«, erzählt Trainer Zoltán Tompos. »Die Mannschaft schmeißt das Geld zusammen, damit wir zu Auswärtsspielen fahren oder, wie eben zu sehen, den Platz für das Pokalspiel morgen herrichten können.« Er erzählt außerdem von diversen Schikanen, von beschlagnahmten Trikots und dem Dorfrasenmäher, den der Verein nicht benutzen durfte: »Der frühere Bürgermeister hat gesagt: ›Die Zigeuner brauchen das hier nicht.‹«

Diese Art der Diskriminierung ist nicht untypisch. Ungarns Roma haben oft unter dem Rassismus der Mehrheitsgesellschaft und unter den Schikanen der lokalen Behörden zu leiden. »Das war auch der Grund, sich hier zu engagieren«, sagt Richard Gauch, einer der Leipziger Aktivisten. »Es geht hier nicht einfach nur darum, Spenden für arme Menschen zu sammeln«, ergänzt er, »sondern darum, denen zu helfen, die systematisch ausgeschlossen und unterdrückt werden«.

Derweil entladen die Aktivisten den Bus und tragen die neue Ausrüstung in das Gemeindezentrum, einen in Altrosa gestrichenen Flachbau, der, wie viele Gebäude in Kállo, schon bessere Zeiten gesehen hat. Drinnen gibt es Limo für alle und man versucht, sich zu unterhalten – mit Händen und Füßen, denn die Sprachbarriere ist hoch. Davon lässt sich allerdings niemand die Stimmung verderben.

In einer Ecke fängt eine Konstruktion aus Holz und Eisen Staub. Das Gerät ist eine Presse, mit der Biobriketts hergestellt werden können, und entstammt dem ersten Projekt, das Leipzig Korrektiv in Kálló unterstützt hat. Damals ging es darum, die Roma in Kálló in die Lage zu versetzen, sich mit dem Allernötigsten selbst zu versorgen. Den Teilnehmern wurde beigebracht, wie man Gemüse selbst zieht und Kleintiere züchtet und versorgt, sie bekamen gratis Pflanzensamen sowie ein paar Küken. Leipzig Korrektiv sammelte damals Spenden, um den Eigenanteil von zehn Prozent zusammenzubekommen, der nötig war, um die Förderung einer Schweizer NGO zu erhalten.

Nicht alle Teile des Projektes waren erfolgreich: Viele der Küken starben und der Rest wurde geklaut, noch bevor sie eine Karriere als Legehenne beginnen konnten. Auch die Brikettpresse war Teil des Projektes und eigentlich dazu gedacht, aus Altpapier und Zweigen Heizmaterial herzustellen. Doch es mangelte an Grundmaterial. Trotz vereinzelter Rückschläge kann das Projekt jedoch durchaus als Erfolg gewertet werden. Vor allem das Gartenbauprogramm ist sehr gut angelaufen und soll nun ausgeweitet werden, zudem konnten 15 Roma ihren Schulabschluss nachholen.

Verantwortet wird das Projekt von der Bürgerrechtsorganisation »Polgárjogi Mozgalom a Köztársaságert«. Deren Vorsitzenden, Aladár Horváth, treffen wir am Abend in Budapest. Er ist einer der prominenteren Roma-Aktivisten Ungarns und hat das Projekt in Kálló begleitet. Dessen Erfolg sieht er vor allem darin, dass es die Roma dazu gebracht hat, sich selbst zu organisieren. »Es hat eine interne Entwicklung stattgefunden, es hat sich eine Gemeinschaft gebildet. Jetzt sind sie in der Lage, an Ausschreibungen teilzunehmen und ihre Interessen zu formu­lieren.«

Der Hoffnungsträger: Buda Baboss, der neue Bürgermeister von Kálló

Der Hoffnungsträger: Buda Baboss, der neue Bürgermeister von Kálló (Foto: Gustav Pursche)

Bei unserem Rundgang durch das Dorf zeigen uns die Männer vom FC Kálló alles, was es hier zu sehen gibt: Die Grund- und die Oberschule, die Kirche, die gerade saniert wird, den Kindergarten, der gerade neu eingerichtet wurde und einen schönen Spielplatz hat. Man merkt, sie sind stolz auf ihr Dorf.

Wir sehen aber auch den ehemaligen Bäckereibetrieb, der vor seiner Pleite rund ein Duzend Beschäftigte hatte, und das von Unkraut überwucherte Grundstück einer ehemaligen Baufirma, die einging, nachdem ihr Besitzer gestorben war. Kálló liegt im armen Norden des Landes, die Arbeitslosigkeit ist hier sehr hoch. Die Quote liege bei den Roma, die rund 45 Prozent der Dorfbevölkerung ausmachen, nach Diviáks Einschätzung aber deutlich höher. Daher ist seine Antwort auf die Frage, was die Roma in Kálló am dringendsten bräuchten, nur wenig überraschend: »Arbeit, Arbeit, Arbeit.«

Doch hier einen Job zu finden, ist gerade für Roma nicht einfach. Zum einen haben viele keinen Schulabschluss oder nicht die Möglichkeit, zu einer Arbeitsstelle zu pendeln. Doch davon abgesehen werden die wenigen Stellen, die es gibt, meist nicht an Roma vergeben. Die Folge: Viele leben in tiefer Armut, es fehlt oft am Allernötigsten. Die Plätze im staatlichen Arbeitsprogramm, bei denen sogenannte gemeinnützige Arbeit verrichtet wird, werden stark nachgefragt, denn die Menschen können die rund 70 Euro, die das mehr bringt als die Sozialhilfe, gut gebrauchen. Nach den Kommunalwahlen berichtete Átlátszó, eine ungarische Website für investigativen Journalismus, dass, dass bei der Wahl zu den Minderheitenvertretungen in einem Dorf in Borsod die Plätze nur denjenigen gegeben worden seien, die den »richtigen« Kandidaten angekreuzt hätten. Das heißt, die Plätze werden offenbar schon verkauft. Das Programm, das die Regierung Orbán 2011 einführte, ist von Bürgerrechtsgruppen und der linken Opposition scharf kritisiert worden; von »Zwangsarbeit« war die Rede. Die Arbeitslosen können nämlich zur Arbeit verpflichtet werden, wer sich wehrt, dem kann die staatliche Unterstützung ganz gestrichen werden. Die Entscheidung, welche Arbeiten gemeinnützig sind, liegt bei den Vertretern der Kommune, die diese Macht sehr leicht missbrauchen können.

»Die Roma in Kálló brauchen am dringendsten Arbeit«, sagt István Diviák, der Vorsitzende des Fußballvereins

»Die Roma in Kálló brauchen am dringendsten Arbeit«, sagt István Diviák, der Vorsitzende des Fußballvereins (Foto: Gustav Pursche)

Doch das Thema Arbeit hat dank der Regierung Orbán noch eine zweite, gravierende Dimension, erklärt Horvárth: »Die Regierung hat die Verfassung durch ein neues Grundgesetz ersetzt. Dieses erkennt das Recht der Menschen auf Gleichbehandlung nicht mehr an, sondern macht einen Unterschied auf der Grundlage dessen, ob jemand arbeitet oder nicht. Wer arbeitet, hat mehr Rechte als der, der keine Beschäftigung hat. Derjenige, der keine entsprechenden gesellschaftlichen Beziehungen und keine Arbeit hat, keine Steuern zahlen und nicht am wirtschaftlichen Leben teilnehmen kann, der wird komplett ausgegrenzt und bleibt auf der Straße.« Da passt es ins Bild, dass die ungarische Regierung im vergangenen Jahr mit ihrem rigorosen Vorgehen gegen Obdachlose von sich reden machte.

Doch Horváth sieht noch eine weitere Gefahr für Dörfer wie Kálló, in denen es wenig Arbeit und einen hohen Roma-Anteil gibt: die schleichende Segregation. »Das ist nicht unbedingt eine bewusste Politik«, sagt er, doch ein Problem sei es allemal. »Diejenigen, die finanziell besser gestellt sind, ziehen weg, oder sie bringen ihre Kinder woanders zur Schule, bis irgendwann eine homogene Struktur entsteht, und nur noch die Roma übrig sind.« Diviák schätzt, dass drei von vier Kindern, die in Kállós Kindergarten gehen, Roma sind.

Alles selbst machen. Die meisten Spieler beim FC Kálló sind Roma. Unterstützung von der Stadtverwaltung bekommt der Verein kaum

Alles selbst machen. Die meisten Spieler beim FC Kálló sind Roma. Unterstützung von der Stadtverwaltung bekommt der Verein kaum (Foto: Gustav Pursche)

Die Roma von Kálló wohnen überall im Dorf verteilt, doch auch hier gibt es eine Gegend, in der ausschließlich Roma leben. Hier ist die Straße keine Straße mehr, sondern eine Piste aus getrocknetem Schlamm. Ein paar Jungs spielen Fußball, einer fährt mit seinem Fahrrad herum. Die Räder haben weder Schläuche noch Mäntel, er fährt auf nackten Felgen.

Viele der Häuser sind schon seit einer Weile sanierungsbedürftig, manche sind notdürftig mit Sperrholzplatten geflickt. Aus einigen führen selbstgebastelte Kabelkonstruktionen direkt zu der Stromoberleitung. Viele hier können die Stromrechnungen nicht zahlen, wird uns erklärt, deshalb wird ihnen der Strom abgestellt. So behelfen sie sich. Ein Mädchen von etwa zwölf Jahren holt mit einem Eimer Wasser an einer öffentlichen Pumpe. Fließend Wasser gibt es hier nicht. Dafür sind viele der Gärten ordentlich gepflügt – eine Folge des Gartenbauprojektes.

Als wir mit Kamera und Aufnahmegerät in der Hand gemeinsam mit István Diviák durch die Siedlung laufen, spricht uns eine ältere Frau an. Wo denn der Bürgermeister sei, fragt sie mit einigem Gespür für politische Zusammenhänge. »Wenn es regnet, wird hier alles zu Schlamm«, schimpft sie und macht eine ausladende Geste, »selbst mit Gummistiefeln können wir dann nicht mehr Wasser holen gehen. Ich sage schon seit einer Million Jahren, dass da etwas gemacht werden muss.«

Dann zeigt sie auf ein Haus am Ende der Straße. Das Dach ist eingesunken und nur notdürftig mit Planen geflickt. Dort habe bis vor kurzem ihr Sohn mit seinen vier kleinen Kindern gelebt. Jetzt habe sie die Kinder zu sich genommen, denn ihr Sohn sei unheilbar krank. Er habe immer gearbeitet, ruft sie, doch jetzt könne er nicht mehr. Und von der staatlichen Unterstützung, die er bekommt – der Sozialhilfesatz liegt bei 22 800 Forint, rund 75 Euro –, könne er entweder die Kinder ernähren oder das Dach reparieren lassen. Beides gehe nicht. Auch hier, so hofft sie, werde der neue Bürgermeister helfen. Da müsse man aber auch ihm helfen, entgegnet Diviák.

Antiziganismus auf dem Fußballfeld. Die Leipziger Fans haben für den FC Kálló gesammelt

Antiziganismus auf dem Fußballfeld. Die Leipziger Fans haben für den FC Kálló gesammelt (Foto: Gustav Pursche)

»Hier gäbe es so viel zu tun«, sagt Diviák, als er sich umschaut. »Es stimmt, dass die Roma aus Kálló keine Schulbildung haben. Aber mit der Arbeit ihrer beiden Hände können sie einen Wert schaffen. Damit können sie sich selbst und auch anderen ein Beispiel geben.« Und hier könnte ein Ort entstehen, wo Menschen gerne gemeinsam leben. Nun hofft auch er, dass er damit beim neuen Bürgermeister Unterstützung findet.

Als wir die Siedlung verlassen, kommen wir an einem gepflegten, ebenfalls in Rosa gestrichenen Haus vorbei, dass sich nicht wesentlich von den anderen in der Straße unterscheidet, wäre da nicht ein Detail: Der Gehsteig vor dem Haus ist nicht wie sonst überall ein rissiger Asphaltweg, sondern besteht aus strahlend weißen, neuen Steinplatten. Doch genau da, wo das Grundstück endet, endet auch der schöne Gehweg. »Hier wohnt die Mutter des ehemaligen Bürgermeisters«, sagt Trainer Tompos und grinst.

Im Gasthaus treffen wir dann Buda Baboss, den neuen Bürgermeister, auf dessen schmalen Schultern so viele Hoffnungen ruhen. Das überrascht zunächst, denn Baboss ist Mitglied der nationalkonservativen Partei Fidesz. Die stellt in Ungarn nicht nur den Ministerpräsidenten und hat eine Zweidrittelmehrheit im Parlament, sondern hat mit dieser Mehrheit auch eben jene Verfassung verabschiedet, die Bürgerrechtler wie Aladár Horváth kritisieren.

Doch die Roma in Kálló vertrauen dem smarten 29jährigen. Er sei in der Gegend gut vernetzt, sagen sie, und er habe versprochen, mit ihnen zusammenzuarbeiten. Mit seinen Kontakten und der Unterstützung der Regierungspartei, die in Ungarn die politischen Institutionen dominiert, so hoffen sie, kann Baboss viel für das Dorf und seine Bewohner erreichen.

Der junge Mann selbst will vor allem nach vorne schauen, und vermeidet es tunlichst, Fehler der Vergangenheit oder gar die Verantwortlichen dafür zu benennen. Stattdessen spricht er vom Mangel an einer »kollektiven Moral«, der die Probleme verursacht habe, was im übrigen ein landesweites Problem sei. Er betont, dass es hier in Kálló keine »ernsthaften Zwischenfälle« gegeben habe, wie es oft andernorts der Fall war. Viele dieser »Zwischenfälle«, wie er sie nennt, haben es auch in die internationale Presse geschafft: Angefangen von bewaffneten Rechtsextremen, die die Roma terrorisieren, über die Stadtverwaltung von Ózd, die im Hochsommer die Wasserversorgung des Roma-Viertels kappte, über die Zwangsumsiedlungen von Roma zugunsten eines neuen Fußballstadions in Miskolc bis hin zur Mordserie and den Roma vor fünf Jahren.

Hier in Kálló redet man immerhin miteinander, und Baboss sieht nicht nur die Roma in der Pflicht, sich zu bewegen, sondern alle. Er setzt auf lokale Lösungen und auf Kommunikation: »Wir dürfen nicht darauf warten, dass man uns von oben hilft und unsere Probleme löst«, sagt er. »Wir müssen hier vor Ort die Köpfe, die Führung in Ordnung bringen und uns bemühen, in jeder Hinsicht Partner zu sein.« Er ist zuversichtlich, dass man zusammenarbeiten könne, schließlich gebe es auf allen Seiten vernünftige Ansprechpartner. Auch die »Spannungen« zwischen der Gemeinde und dem FC Kálló hält er für lösbar.

Und so überwiegt bei allen Beteiligten die Hoffnung, dass man hier in Kálló in dieser personellen Konstellation die Dinge zum Guten wenden kann. Diviák fasst die Chancen und Risiken so zusammen: »Wenn die Roma in Kálló nur ein bisschen Zuneigung bekommen, dann verschenken sie ihr Herz. Aber wenn sie hintergangen werden, können auch sie abscheulich werden.«

Ob es gelingt, das Dorf und seinen Verein gemeinsam nach vorne zu bringen, davon können sich die Fans der BSG Chemie Leipzig vielleicht bald selbst überzeugen. Sie sind im kommenden Jahr zu einem Freundschaftsspiel eingeladen.

Dieser Text erschien zuerst in der Jungle World Nr. 48

http://jungle-world.com/artikel/2014/48/51008.html

»Wir feierten gerade Neujahr«

Rolf Isaacsohn erinnert sich an die große Montagsdemonstration vor 25 Jahren

aufgeschrieben von Thyra Veyder-Malberg

Am 9. Oktober 1989 feierte die Israelitische Religionsgemeinde Leipzig in einem Hotel gerade Rosch Haschana, als unten auf der Straße 70.000 Menschen vorbeizogen und Freiheit forderten. Rolf Isaacsohn erinnert sich. »Es war mehr innerlich, was man damals erlebt hat, nach außen haben wir uns nicht so gerührt«, sagt Isaacsohn, als er sich die Ereignisse vor 25 Jahren ins Gedächtnis ruft. »Man hatte Angst und wusste ja nicht, wer zuhört. Man wusste ja von der Stasi.« Dann beeilt er sich, nachzuschieben: »Aber ich bin mir bis heute sicher, dass uns innerhalb der Gemeinde niemand belauscht hat.«

Der 81-Jährige, der gerne lacht, ist heute Ehrenvorsitzender eben jener Leipziger Gemeinde. Nach der Wende war er zuerst ihr Geschäftsführer, schließlich wurde er ihr Vorsitzender.

Isaacsohn sitzt vor einem Kaffeehaus in der Sonne und erzählt vom Gemeindeleben in der DDR. »Unsere Gemeinde hatte in den 80er-Jahren nur noch 35 Mitglieder, einige davon haben sich nie sehen lassen, und viele waren schon ältere Leute. Ein Gemeindeleben wie heute gab es damals nicht. Wir haben uns maximal sechsmal im Jahr zu Feiertagen getroffen, der damalige Vorstand hat auch jeden Einzelnen gebeten, ›bitte zu kommen‹. Das waren eher Familien- als Gemeindetreffen. Man war sich verbunden durch die Geschichte der Nazizeit und durch die Probleme, wie sie alle in der DDR hatten.«

Unterstützung Die Gemeinde, erzählt Isaacsohn, habe immer Unterstützung in Leipzig erfahren, etwa durch den jüdisch-christlichen Dialog, aber auch von offizieller Stelle. So habe der Leiter des zuständigen Amtes immer wieder Personal bereitgestellt, etwa um auch die beiden jüdischen Friedhöfe instand zu halten.

»Ab 1952 hat man uns machen lassen«, sagt Rolf Isaacsohn. Es gab nur ein Problem: Die Gemeinde hatte keinen Rabbiner. »Zum Glück kamen unsere damaligen Vorstandsvorsitzenden, Eugen Gollomb und später Aron Adlerstein, aus orthodoxen Elternhäusern. Sie sind in ihrer Jugend in Polen streng religiös erzogen worden und waren daher in der Lage, die Gottesdienste durchzuführen, wenn sie auch keine ausgebildeten Rabbiner waren. Sie konnten Hebräisch, sie konnten die Tora lesen, sie wussten genau, was zu tun ist. Das war so schön, dass die Mitglieder aus anderen Gemeinden zu den Hohen Feiertagen zu uns nach Leipzig kamen.«

Am 9. Oktober 1989, als sich die Ereignisse in Leipzig überschlugen, feierte die winzige jüdische Gemeinde gerade das Neujahrsfest, erinnert sich Rolf Isaacsohn. Die Wahl des Ortes war zufällig getroffen worden. »Wir hatten an diesem Abend alle Gemeindemitglieder zum Neujahrsfest in das Hotel International am Tröndlinring eingeladen und jedem gesagt: ›Seid vorsichtig, es soll viel Polizei in der Stadt sein und bewaffnete Soldaten. Geht langsam, guckt, was los ist.‹«

Neugier

Isaacsohn stieg aus Neugier ein paar Haltestellen zu früh aus, um zu Fuß durch die Innenstadt zu gehen. »Da habe ich mit Entsetzen festgestellt, dass die ganze Universitätsstraße voller Bewaffneter war«, sagt der gebürtige Leipziger noch heute mit Schaudern. »Ich weiß nicht, ob das Kampfgruppen, Soldaten oder Polizisten waren, ich habe mir die Leute nicht so genau angeschaut, sondern bin mit gesenktem Haupt an ihnen vorbeigelaufen und war froh, als ich im Hotel war.«

Dort hätten sich dann alle darüber unterhalten, was sie auf dem Weg gesehen haben. Erst dann begann die Gemeinde mit ihrer Feier, und nach einer Weile hörten die Teilnehmer – obwohl der Raum zum Innenhof hinausging – durch das geöffnete Fenster laute Geräusche. Ein Kellner sagte, draußen auf der Straße seien Leute zu sehen. »Das wurde immer mehr und immer lauter, und schließlich bin ich doch einmal rausgegangen«, erzählt Rolf Isaacsohn.

Freiheit

Dort hörte er die Rufe der Demonstranten: »Freiheit«, »Wir sind das Volk« und »Keine Gewalt«. »Rund 20 Meter vor mir war dieser riesige Menschenstrom, der in Richtung Runde Ecke« – die damalige Stasi-Zentrale in Leipzig – »die Straße entlangzog. Das war für mich wie ein Magnet. Ich bin einfach ein Stück an deren Seite mitgelaufen. Nicht weit, vielleicht 100 Meter einmal um die Kurve herum bis zur Hauptfeuerwache. Da bin ich dann stehen geblieben und dachte mir: ›Das ist ja furchtbar, wer weiß, was hier noch passiert, geh’ lieber zurück.‹ Ich frage mich noch heute, wie ich dazu gekommen bin, da mitzulaufen.«

Die Gemeindemitglieder beschlossen, so lange im Hotel auszuharren, bis sich die Lage beruhigt hatte, und machten sich dann auf den Heimweg. »Ich bin zum Hauptbahnhof gelaufen, die Straßen waren menschenleer. Dann fuhren auf einmal ein paar Militärfahrzeuge an mir vorbei, die vorne große Gitter hatten, die man aufklappen und mit denen man Menschenmassen wegdrücken konnte. An der Haltestelle waren auch nur ganz wenige Menschen. Man hätte annehmen können, es sei spät in der Nacht. Nur der Aufruf zur Besonnenheit von Gewandhauskapellmeister Kurt Masur an die Demonstranten wurde im Leipziger Stadtfunk immer noch wiederholt, obwohl schon niemand mehr auf der Straße war. Es war eine gespenstische Ruhe.«

Synagoge

Doch die Bedeutung der Ereignisse habe er damals noch nicht erfasst, gibt Isaacsohn zu. Auch von einem weitergehenden Engagement anderer Gemeindemitglieder weiß er nichts: »Wir haben uns gewundert, dass der Staat nicht reagierte, dass alles so ruhig geblieben ist. Und als dann in den nächsten Tagen immer noch nichts passiert war, haben wir gedacht, vielleicht ändert sich doch etwas.«

Aber das Ausmaß der Ereignisse wurde den Gemeindemitgliedern erst mit dem Fall der Mauer klar. »Mitte Oktober waren wir noch der festen Meinung, dass sich für uns als jüdische Gemeinde nicht viel ändern wird«, erzählt Isaacsohn.

Man habe seinerzeit gedacht: »Wir sind 35 Mitglieder, in zehn Jahren sind wir vielleicht noch 20, und in 20 Jahren sind wir nur noch fünf, die Synagoge ist dann vielleicht ein Museum – das war’s dann.« So kann man sich irren: 25 Jahre danach hat die Gemeinde in Leipzig rund 1300 Mitglieder – und einen eigenen Rabbiner.

Dieser Text erschien zuerst in der Jüdischen Allgemeinen 43/2014

http://www.juedische-allgemeine.de/article/view/id/20538

Die Frau ohne Namen

Eigentlich vermeide ich es ja inzwischen, die LVZ zu lesen, sonst rege ich mich nur wieder auf. Heute kam ich aber nicht umhin zumindest die Überschriften zur Kenntnis zu nehmen, als mir der Herr am Nachbartisch im Kaffeehaus sein Exemplar beim Lesen unter die Nase hielt. „Die Ehefrau von Olaf Scholz regiert jetzt in Kiel“, war da in großen Lettern zu lesen. Und da musste ich mich doch wieder ein bisschen aufregen.

Im Ernst: Da wird eine Frau an die Spitze eines Landesministeriums gerufen, doch das Allerrelevanteste, Schlagzeilentauglichste für die LVZ ist nicht, welches Ministerium das ist (Bildung), auch nicht ihre politische Karriere (zuletzt: parlamentarische Geschäftsführerin der SPD im Bundestag), ja, noch nicht einmal ihr Name (Britta Ernst), sondern zu welchem Mann sie nach getaner Regierungsarbeit nach Hause kommt.

Liebe Redaktion der LVZ, wenn das nächste Mal jemand von strukturellem Sexismus redet und ihr wieder gar keine Ahnung habt, worum es geht: Frauen aller eigenen Leistung zum Trotz zunächt einmal als Anhängsel eines Mannes zu betrachten, ist eine ganz beliebte Variante (von so vielen). Hört bitte auf damit.

Der Hass der Mitte

Ein Kommentar zum Rassismus der »weltoffenen« Bürger

Leipzig ist eine weltoffene Stadt. Behauptet zumindest der Oberbürgermeister immer wieder. Doch wer einmal dabei war, wenn die Stadt zu einem Informationsabend zum Bau einer Moschee oder auch einer Asylbewerberunterkunft einlädt, der kann an dieser Aussage schon Zweifel bekommen. Denn obwohl bei solchen Veranstaltungen die meisten Besucher mit verschränkten Armen dasitzen und sich mit mehr oder weniger großer Skepsis anhören, was Vertreter der Stadt und ihre Mitmenschen zu sagen haben, gelingt es einer Minderheit oft genug, den Saal in einen Hexenkessel zu verwandeln, durch den Wut und Hass schwappen. Dabei sind es gar nicht nur die dumpfen »Deutsche zuerst«-Sprüche der NPD oder die vollkommen absurden, aber altbekannten »Wir haben nichts gegen Ausländer, aber wollen sie nicht in unserem Viertel«-Phrasen, die erschrecken.

Buh-Rufe gegen moralische Pflicht

Es ist vielmehr die Tatsache, dass, wenn Sozialbürgermeister Fabian bei solchen Versammlungen von der moralischen Pflicht spricht, Menschen, die Hilfe brauchen, aufzunehmen, ein signifikanter Teil der Besucher anfängt zu buhen. Ernsthaft. Zu buhen. Sicherlich: Die NPD und andere ideologisch verfestigte Nazis tun ihr Möglichstes, um die Menge bei solchen Bürgerversammlungen aufzupeitschen. Aber man muss sich mal vor Augen führen, was ein Buh an dieser Stelle bedeutet: Es gibt offenbar Leute in dieser Stadt, die andere Menschen – Männer, Frauen und sogar Kinder – lieber Folter erleiden und einen gewaltsamen Tod sterben lassen wollen, als sie kurzzeitig in ihrer Nachbarschaft wohnen zu lassen. Und das zeigen sie ganz offen und fühlen sich im Recht. Diese Kaltherzigkeit ist es, die Angst macht. Unwillkürlich zieht man den Kopf ein, sinkt tiefer in seinen Stuhl und meint zu begreifen, wie Pogrome entstehen.

Daher ist das Auftauchen der NPD in solchen Fällen eigentlich wahnsinnig bequem. Man hat jemanden, gegen den man demonstrieren und auf den man zeigen kann, mit dem man aber gar nicht erst reden muss. Denn erstens ist deren Position ohnehin klar und zweitens sind das ideologisch gefestigte Nazis, denen man ihren Rassismus und ihre Menschenverachtung auch mit sehr vielen guten Worten nicht ausreden kann. Aber vor allem sind es gesellschaftliche Außenseiter. Indem man ihnen die Schuld gibt, kann man sich sparen, sich mit der Gesellschaft selbst auseinanderzusetzen. Doch genau darin liegt der Fehler.

Nun soll damit nicht gesagt sein, dass man nicht gegen die NPD demonstrieren soll – im Gegenteil.

Bürger sehen sich als Opfer

Es ist notwendig, sich den Nazis in den Weg zu stellen, wo immer sie sind, und ihnen deutlich zu machen, dass man ihre Meinungen und politischen Ziele für abscheulich hält. Mindestens genauso wichtig ist es, den Flüchtlingen, die nach Leipzig kommen – und auch jeder anderen Menschengruppe, die sich den Hass der Nazis zugezogen hat, weil sie nicht in ihre Welt passt –, zu zeigen, dass man sie mit den Hetzern nicht alleine lässt. Insofern war es ein schönes und wichtiges Signal, als am 7. Dezember in Schönefeld 500 Menschen verhindert haben, dass die NPD die frisch eingezogenen Flüchtlinge durch ihre schiere physische Anwesenheit bedroht.

Doch es ist nicht das kleine Häuflein an ideologisch gefestigten und parteilich organisierten Nazis, so unappetitlich die auch sind, das Sorge bereitet. Es sind vielmehr diejenigen Bürger der Stadt, die ihrer Angst- und Hasskampagne auf den Leim gehen. Menschen, die sich selbst als Opfer sehen, obwohl ihnen nichts weiter abverlangt wird, als Menschen anderer Herkunft oder Konfession mit der zivilisierten Indifferenz der Großstadt zu begegnen. Und die dann in vermeintlicher Notwehr umso enthemmter losschlagen – oder, was noch häufiger passiert, Aggressionen gegen die vermeintlich »Fremden« mehr oder weniger stillschweigend dulden. Leute, die den Schweinekopf-Anschlag für eine legitime Reaktion auf die angebliche Islamisierung von Gohlis halten. Das sind keine ideologisch gefestigten Nazis, keine politischen Aktivisten, sondern ganz normale Menschen, die sich selbst vielleicht als konservativ, liberal oder gar links beschreiben würden, die die NPD vermutlich ablehnen und doch ein riesiges Bündel rassistischer Ressentiments mit sich herumschleppen. Die ernsthaft der Überzeugung sind, dass sich ihr Leben nachteilig verändert, wenn in ihrer Nachbarschaft Muslime beten oder Flüchtlinge ein temporäres Zuhause finden. Und die dann zutiefst beleidigt sind und sich diffamiert fühlen, wenn man ihren Rassismus auch Rassismus nennt. Davon gibt es leider sehr viele. In dieser Opferkonstruktion kann man den Rassismus der Mitte der Gesellschaft, von dem man so viel liest, live und in Aktion beobachten.

Da geht dann auch ganz nebenbei jeglicher Sinn für Relationen verloren: Hier suchen Menschen Schutz, die Krieg und Folter erlebt haben, die ihr Zuhause und oft genug auch Familienmitglieder und Freunde verloren haben. Und dann gibt es Leute, die im vertrauten Komfort ihrer beschaulichen Reihenhaussiedlung in Leipzig der felsenfesten Überzeugung sind, hier die eigentlichen Opfer zu sein, weil die Verwaltung sie angeblich zwei Wochen zu spät über eine Notunterkunft in ihrem Viertel informiert hat.

Hinter der Angst steckt Rassismus

Wer hier einfach nur fordert, man müsse die Sorgen und Ängste der Anwohner ernst nehmen, wie es die CDU tut, der springt viel zu kurz. Schlimmer noch: Er verharmlost damit – ob absichtlich oder nicht – den Rassismus, der zumeist hinter diesen Ängsten steht. Doch gerade den gilt es besonders ernst zu nehmen und nach Kräften zu bekämpfen.

Klar ist nicht jeder Einwand, den man gegen eine Flüchtlingsunterkunft haben kann, gleich rassistisch. Alte Schulgebäude sind meist eher weniger geeignet, um viele Menschen adäquat zu beherbergen, und oft sind die Zustände in diesen Unterkünften – etwa in der Torgauer Straße – schlicht nicht zumutbar. Und sicher kann man auch kritische Fragen zur Bedarfsplanung und zur Kommunikationsstrategie der Stadt haben. Doch die meisten Argumente, die dieser Opferkonstruktion zugrunde liegen, sind glattweg rassistisch. Wenn Eltern mobil machen, weil eine Unterkunft für Asylbewerber – wie etwa die in Schönefeld – in direkter Nachbarschaft zu einer Schule entsteht, steckt darin die Annahme, dass sich Flüchtlinge durch ihre schiere Anwesen- heit nachteilig auf Kinder auswirken. Das Argument, dass Asylbewerber nur wegen der Sozialleistungen hierherkommen, und nicht etwa, weil sie verfolgt werden, unterstellt ihnen Faulheit und Betrug. Und die Angst vor einem Anstieg der Kriminalität im Umfeld solcher Unterkünfte impliziert, dass deren Bewohner krimineller sind als andere Bevölkerungsgruppen. Dafür gibt es allerdings keinen statistischen Beleg. Kurz: Die Flüchtlinge werden nicht als individuelle Menschen wahrgenommen. Stattdessen werden sie zu einer Gruppe zusammengefasst und dieser Gruppe allein aufgrund ihrer Herkunft (nicht aus Deutschland oder dem »guten« Ausland wie zum Beispiel Schweden) negative Eigenschaften zugesprochen. Das ist die Definition von Rassismus.

Zur Erinnerung: Das Recht auf Asyl ist ein Menschenrecht

Wenn die Unterkunftsgegner »Wir sind das Volk« schreien und Andersdenkende »Volksverräter« nennen, dann wollen sie nicht nur ihrer Forderung gegen »die da oben«, die sie angeblich schlecht behandeln, Nachdruck verleihen, sie wollen all jene ausschließen, die nicht in ihre Vorstellung eines homogenen Volkes passen. Dazu gehört auch die Forderung, dass die Stadt erst jedes Problem der deutschen Mehrheitsbevölkerung zu lösen habe, bevor sie über die Hilfe für Nichtdeutsche überhaupt nachdenken darf. Zur Erinnerung: Das Recht auf Asyl ist ein Menschenrecht. Und viele der Flüchtlinge sind deshalb hier, weil sie in ihrer Heimat für Bürgerrechte gekämpft haben.

Wenn man also die Anwohner wirklich ernst nehmen will, dann muss man ihnen geradehe- raus sagen, dass ihre Ängste und Sorgen auf Vorurteilen basieren, die im Kern rassistisch sind. Dabei geht es nicht darum, zu suggerieren, dass jeder, der schon mal auf so ein Klischee hereingefallen ist, ein Unmensch ist und jeden hasst, der anders ist als er. Fakt ist, dass rassistische Vorstellungen tief in unsere Gesellschaft und Kultur eingebettet sind und es großer und dauerhafter Anstrengungen bedarf, um sie loszuwerden. Zur Abwechslung könnte man ja auch all jenen, die jeden Tag Rassismus erleben müssen, zuhören und deren Sorgen ernst nehmen.

Staat lässt keine Normalität zu

Zur Wahrheit gehört aber auch, dass die Art und Weise, wie dieser Staat mit Asylbewerbern umgeht, den Abbau von Vorurteilen eher behindert als befördert. Die Unterbringung in Mas- senunterkünften ist, genau wie das Arbeitsverbot und die sogenannte Residenzpflicht, nicht nur unwürdig, sondern schafft zusätzliche Probleme. Sie isoliert die Flüchtlinge, sperrt sie hinter Zäune, verdammt sie zur Untätigkeit und verhindert genau das, was so bitter notwendig wäre: Normalität. Eine Normalität, in der sich Anwohner und Flüchtlinge unbelastet auf Augenhöhe begegnen und kennenlernen können.

Es geht also darum, mit jener Mehrheit ins Gespräch zu kommen, die ihre Vorurteile überdenken kann und will, und ihr klarzumachen, dass sie sich vor etwas fürchtet, das gar nicht existiert. Und dass niemand weniger hat, wenn in dieser Stadt Flüchtlingen geholfen wird – im Gegenteil. Es geht aber auch darum, der unbelehrbaren Minderheit sehr deutlich zu machen, dass Rassismus inakzeptabel ist. Das ist mühselige Kleinarbeit, hier ist wirklich jeder Einzelne gefragt. Denn erstens kann man den Nazis nicht das Feld überlassen und zweitens ist eine Unterkunft in einem Stadtteil, in dem die Stimmung derart feindselig ist, eine Zumutung für jeden Flüchtling. Deshalb verdienen die zahlreichen Hilfsangebote und Willkommensgrüße für die Asylbewerber, die durch die Bürger organisiert wurden, eine breite Unterstützung durch die Stadtgesellschaft.

Am 13. Dezember haben Vertreter von Parteien, Gewerkschaften, Religionsgemeinschaften, Vereinen und Verbänden eine Flüchtlingsresolution verabschiedet, die genau das um Ziel hat. Bei dieser Gelegenheit sagte der OBM: »Leipzig ist weltoffen und tolerant.« Das stimmt aber nur, wenn wir dafür sorgen.

Dieser Text erschien im kreuzer 01/2014